Für die Idee, nach Kalabrien zu fahren und Öl zu kaufen, konnte ich Giovanni recht schnell begeistern. Schließlich könne ich bei der Gelegenheit auch gleich seinen Bedarf mit nach Deutschland bringen. Als Gegenleistung würde er alle Kontakte knüpfen. Mich interessierte nämlich nicht nur das Öl selbst, sondern auch die Ernte der Oliven, der Verarbeitungsprozess, ob die die Früchte gespritzt werden und wie und wo die Abfüllung erfolgt. Über diese edlen Sorten liest man schließlich die abenteuerlichsten Geschichten: Von Mischungen, von gestreckten Ölen, von nachbehandelten Ölen mit Zusatzstoffen… kurz: dass selten das in den Flaschen ist, was draufsteht. Eigentlich habe ich erwartet, dass Giovanni jetzt beschwichtigend die Hände hebt und dementiert. Aber er nickte nur und meinte, dass es eben auch für ihn ein riesen Problem sei, gutes Öl auf dem freien Markt zu erwerben. Ob es denn keine strengen Regulierungen gebe, Olivenöl betreffend, wollte ich wissen. Na klar, lachte er, das füllt ganze Bücher. Es gebe sogar die so genannte Durchführungsverordnung der EU, die 2012 erlassen wurde, an die sich nur niemand hielte. Entweder wird nicht kontrolliert, und wenn doch, dann fallen die Strafen lächerlich gering aus. Darum nennt sich auch das dünnste und fadeste Öl im Supermarktregal „extra vergine“. Das sei eben kein Maßstab mehr. Das irritierte mich nun doch etwas.

Zu meiner Verwunderung rief mich Giovanni am nächsten Tag an und nannte mir ein paar ernüchternde Fakten. Unser Olivenbauer kann seinen Traditionsbetrieb nicht mehr aufrecht erhalten, denn die Kosten für Pflege der Bäume und Früchte, der personelle und logistische Aufwand zur Ernte und die Gebühren in der alten Mühle in Santa Severina übersteigen den Ertrag um ein Vielfaches. Entweder er stellt auf den industriellen Standard um, höchster Ertrag bei geringsten Kosten, oder der Betrieb muss geschlossen werden. Um das Öl weiter in dieser Qualität herstellen zu können, müssten wir ziemlich genau 1.500 Liter abnehmen. Und hier handelt es sich um keinen geschäftstüchtigen Schachzug.

Das übersteigt natürlich meinen Bedarf und mein Budget. Warum also keine Olivenöl-Kampagne starten?

Die nächsten Tage telefonierten wir häufig. Giovanni erzählte mir, dass meine Idee auch in Kalabrien beim Bauern und dem Ölmüller sehr gut ankämen. Sie sagten sofort zu, als er sie darum bat, mir alles zu zeigen und mir Abläufe zu erklären. Zwar seien sie während der Erntezeit auch schwer beschäftigt, würden sich aber über jedes echte Interesse sehr freuen, denn die Aufzucht, die Ernte und die Verarbeitung seien in den Hintergrund gerückt. „Die Leute wollen nur in den Supermarkt und für kein Geld das beste Öl haben. Was dahinter steckt, interessiert sie nicht.“ So der Olivenbauer, der auch immer wieder betonte, dass seine Olivenbäume nur natürlich gedüngt werden und keine Pestizide zum Einsatz kämen. Alles 100% ökologisch. Wovon ich mich natürlich vor Ort auch überzeugen werde.

Der Plan steht nun fest: Am 08.10. steige ich mit Giovanni, der es sich dann doch nicht nehmen lässt, seine Heimat nach Jahren wieder zu besuchen, ins Auto und wir fahren nach Crotone um alles für die Ernte und die Herstellung des Öls vorzubereiten. Die eigentliche Ernte und die Verarbeitung finden dann Mitte bis Ende November statt. Je nach dem, wann die Früchte reif sind.

Jetzt hieß es: Kalkulieren. Wir haben ausgerechnet, welchen Literpreis wir anbieten könnten, wenn wir den Transport mit einberechnen, die Flaschen, die Etikettierung, die Früchte, die Arbeit der Bauern und der Ölmühle und natürlich auch die steuerliche Behandlung der Fracht. Wir verzichten bewusst auf schnörkelige Designerflaschen oder aufwändige Verpackungen, die den Preis unnötig in die Höhe treiben würden. Schließlich geht es um den Inhalt. Und obwohl wir aufgrund der kleinen Abnahmemenge und des hohen Aufwands fast den vierfachen Einkaufspreis eines Großhändlers zahlen müssen, können wir das Öl fast 30% günstiger anbieten, als der übliche Preis bei Anbietern liegt, die dieselbe Qualität anbieten. Und dabei ist nicht der Aufdruck auf dem Etikett gemeint. Warum wir trotz allen Aufwands und höchster Güte so günstig anbieten können? Weil wir den Zwischenhandel und somit die hohen Margen umgehen.

Also lautet Teil 2 des Plans, das Öl im Vorfeld interessierten Feinschmeckern und die, die es werden wollen, anzubieten. Eine Crowdfunding Aktion sozusagen, um beste Qualität für den kleinsten Preis zu bekommen und diesen kleinen Traditionsbetrieb aufrechtzuerhalten. Und da uns die Eule aus vielen verschiedenen Gründen schon lange begleitet, war auch schon bald ein Name gefunden: Eulivenöl.

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